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Fundstücke

Am 13.Januar 2024 9:00 Uhr wurde im MDR Kulturradio ein Podcast von Matthias Alexander Schmidt gesendet, der sich mit theologischen Gedanken zum Grundeinkommen beschäftigt. Die Sendung wurde ursprünglich beim Saarländischen Rundfunk SWR produziert und unter anderem auch in anderen Teilen der ARD gesendet. Der Beitrag wird in der ARD Audiothek bis 12. Januar 2025 zu finden sein. Hier der Link darauf:

https://www.ardaudiothek.de/episode/besondere-zeiten-feiertage-neu-denken/gold-weihrauch-grundeinkommen-6-7/wdr/13003841

Auch wir haben uns natürlich mit diesen Fragen beschäftigt und sind einigermaßen enttäuscht. Selbstverständlich wollen wir niemandem etwas unterstellen, allerdings ist der Beitrag nicht als private Meinung des Autors gekennzeichnet.So bleibt nur der fade Nachgeschmack einer schlechten Recherche, das Brot eines guten Journalisten. Auch wir haben selbstverständlich recherchiert zu theologischen Aspekten eines Grundeinkommens. Unsere Anmerkungen beruhen auf deren Grundlage und auf diese berufen wir uns ausdrücklich.

Hier nun unsere Anmerkungen:

Zunächst ist auffällig, dass wie fast überall lediglich „Erwerbsarbeit(Jobs)“ gemeint sind, wenn es um „Arbeit“ geht.
Es gibt weltweit ziemlich übereinstimmende Statistiken, aus denen hervorgeht, dass ca. 60% aller gesellschaftlich notwendigen bzw. sinnvollen Arbeit ehrenamtlich/unentgeltlich erledigt wird. Selbst die OECD erfasst den Anteil bezahlter und unbezahlter Arbeit nach Geschlecht. Dazu gehört der überwiegende Anteil der so genannten Care-Arbeit, die auch noch zum großen Teil von Frauen getragen wird. Natürlich gehört mehr als Care dazu.
Die anderen ca.40% sind Erwerbsarbeit, also bezahlte Jobs. Das stimmt übrigens eigenartigerweise mit dem Anteil der Erwerbseinkommen, also Jobs, am Gesamteinkommen überein, nämlich ca. 40%.
Wussten Sie, dass allein in Thüringen eine große Zahl Menschen ehrenamtlich im Pflegesystem des Gesundheitswesens arbeiten, deren eingesparter Lohn sogar eingeplant ist? Warum sind diese Menschen nicht zu ordentlichen Löhnen angestellt, dann würden sie „arbeiten“ im aktuellen Verständnis.
Selbst das Bundesamt für Statistik verweist auf die Bedeutung der ehrenamtlichen/unentgeltlichen Arbeit für die Gesellschaft. In einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR – Siehe Pressemitteilung Bundesamt für Statistik vom 19. April 2016 – 137/16). Auf Basis von EU-Empfehlungen wird dort sogar der Wert der „Haushaltsarbeit“ berechnet auf der Basis eines Mindestlohnes.
Außerdem leben fast 60% der Menschheit von Subsistenzwirtschaft, die zudem mehrheitlich ohne Geld funktioniert bzw. nicht im Bruttoszialprodukt auftaucht, weil diese außerhalb des „klassischen“ Geldkreislaufs stattfindet. Interessiert die klassische bzw. neoliberale Marktwirtschaft nicht, weil dieser Wirtschaftsbereich außerhalb klassischer Finanzkreisläufe defacto nicht existiert.

Das wirft Fragen auf zum im Beitrag erwähnten „Subsidiaritätsprinzip“ und der „christlichen Arbeitsetihk und -moral“, die beide wesentlich weiter gefasst sind, als im Beitrag erwähnt.
Aber bevor speziell dárauf eingegangen wird, noch ein Hinweis auf einen weit verbreiteten Irrtum, der sich hartnäckig hält. Gemeint ist hier das Bibelzitat „Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen.“ Leider steht das so nicht drin.
Im 2. Thessalonicherbrief des Apostels Paulus heißt es dagegen: „Wer nicht arbeiten WILL, soll auch nicht essen.“
Was ist mit denen, die arbeiten wollen, aber keine „adäquate Arbeit“ finden? Was ist mit denen, die von Geburt oder durch Unfall oder Krankheit mit Einschränkungen zu leben haben nicht in der Lage sind und dies ebenfalls nicht können?

Das bedingungslose Grundeinkommen nimmt auch auf das Gleichnis von Jesus Bezug, nachdem allen zusteht, was sie zum Leben brauchen. Immer mehr Menschen fallen aber durchs Raster des Prinzips Lohnarbeit: Ältere, Kranke, Behinderte, Hausfrauen, Arbeitslose – nein falsch Erwerbslose. Wir denken, dass es auf dem ganzen Globus keinen wirklich Arbeitslosen gibt, nur Menschen ohne Job. Dazu kommt, dass man inzwischen die Konsequenzen der Digitalisierung wider besseres Wissen eben nicht länger verschweigen kann. Aber auch ohne sie ist seit Jahrzehnten der zu verteilende Arbeitskuchen kleiner geworden, auch das ist statistisch längst für jedermann zugänglich. Man befrage das Institut für Arbeitsmarktforschung in Halle (Westf.)

Was ist „adäquate Arbeit“? Nur die Leistungen, die am Arbeitsmarkt „handelbar“ sind und demnach bezahlt werden? Diese Reduktion des Arbeitsbegriffes, die durch die wirtschafts- und sozialpolitischen Diskussionen geistert, ist eine starke Einengung, die außerdem zu absurden Unterscheidungen führt: Der Koch, der Lehrer, die Altenbetreuerin „arbeiten“, denn sie erhalten für ihre Tätigkeit einen Lohn; die Hausfrau, die Mutter, die ihre alten Eltern pflegende Tochter tun in etwa dasselbe, „arbeiten“ nach den in unserem Sozialsystem geltenden Kriterien für Arbeitswilligkeit aber nicht. Diese Arbeit wird also weder vom herrschenden (manipulierten?) Bewusstsein noch von den aktuellen Sozialsystemen als Arbeit anerkannt.

Der christliche Arbeitsbegriff und die darauf beruhende Soziallehre umfasst mehrere Dimensionen, die definitiv nicht auf die „Erwerbsarbeit“ beschränkt sind. Es geht nicht nur um die „naturale Funktion“ im Dienste der Existenzsicherung bzw. des Unterhaltserwerbs. Als Mitwirkung am göttlichen Schöpfungswerk (religiöse Dimension) muss sie zudem in einem positiven Verhältnis zu Um- und Mitwelt stehen. Was ist, wenn ein Mensch seine Würde (persönliche Dimension) in einem Job nicht erfüllt sieht, falls diese zwar bezahlt wird, u.U. aber destruktiv für die Umwelt ist, soziale Ungerechtigkeiten vergrößert oder den arbeitenden Menschen selbst schwer schädigt oder demütigt? Wenn allgemein Arbeit aber den Menschen nicht nur als Teil der Gemeinschaft sozial in diese integriert, sondern Anerkennung und Möglichkeiten der gesellschaftlichen Partizipation verschafft, warum ist dann diese von der Soziallehre geforderte soziale und politische Dimension der Arbeit in der herrschenden Marktökonomie zumindest allen unbezahlten Arbeiten weitgehend versagt?

Ist also jede Form der heute am Arbeitsmarkt angebotenen Erwerbsarbeit automatisch jene dem Menschen adäquate „gute“ Arbeit, zu welcher allein der Mensch moralisch verpflichtet werden kann? Und aus der Sicht der Soziallehre ist einem Sozialsystem jedenfalls nicht zuzustimmen, das die Erfüllung dieser Arbeitspflicht ausschließlich an der Integration in den Erwerbsarbeitsmarkt bemisst und nur im Falle von deren Unmöglichkeit „einspringt“.

Das Subsidiaritätsprinzip der Soziallehre sagt zweierlei:

  1. Übergeordneten sozialen Einheiten ist es verboten, Aufgaben zu übernehmen, die auch von untergeordneten sozialen Einheiten gelöst werden können.
  2. Verpflichtet es die übergeordneten Einheiten aber auch, dort – subsidiär – einzugreifen, wo untergeordnete Einheiten überfordert sind.

Die Behauptung, das Grundeinkommens-Konzept spricht dem Menschen die Fähigkeit ab, selbst für seinen Unterhalt zu sorgen; er werde vielmehr „zwangsbeglückt“, ist schlichtweg absurd. Denn die herrschende Marktökonomie schafft keine ausreichenden und für alle Menschen gleichermaßen zugänglichen Möglichkeiten, ihrer moralischen Pflicht zu einer „guten“ Arbeit im Sinne der Soziallehre nachzukommen. Die der Marktökonomie eigene Logik schließt sogar ein originäres Interesse daran aus.

Allen dazu willigen Menschen eine Möglichkeit zu „guter“ Arbeit im Sinne der Soziallehre und damit zu einer menschen- und gesellschaftsgerechten Form der Existenzsicherung zu bieten – darin wirkt das Grundeinkommen subsidiär. Der einzelne Mensch gewinnt dadurch erst den Freiraum, einer Arbeit nachzugehen, welche die Anforderungen der Soziallehre für „gute“ Arbeit erfüllt, und zu der allein er sittlich verpflichtet werden kann. Und genau das geht über Erwerbsarbeit weit hinaus.

Wie kommt man darauf, dass ein Mensch kein originäres, wenn auch vielleicht verschüttetes Interesse daran hat, etwas sinnvolles und sinn-stiftendes mit seinem Leben anzufangen? („da geht ja keiner mehr arbeiten“). Fragwürdiger Moralbegriff. Dahinein gehört auch die ebenso fragwürdige Auffassung, dass Menschen nur durch äußeren Druck bzw. Sanktionen zu moralisch integerem Verhalten gebracht werden könnten. Diese Denkweise ist nicht konservativ, sie ist reaktionäres Macht- und Herrschaftsdenken über Untertanen, entspricht nicht demokratischem Grundprinzip und ist das wirklich christlich? Aber darüber wäre gesondert und ausführlicher nachzudenken.

Hier wird DIE Grundbedingung für moralisch integres Verhalten (absichtlich?) ignoriert: Moralische Verantwortung setzt Freiheit voraus. Freilich gibt es dann immer auch die Möglichkeit des Missbrauchs. Fragen wir aber die Pädagogik, stellen wir fest, dass eine Erziehung, die sich auf das Ziehen von Grenzen, Vorschreiben von Regeln und Exekutieren von Sanktionen beschränkt und niemals in die Freiheit entlässt!, keinesfalls moralisch integre Menschen hervorbringt, wahrlich mündige Bürger. Es geht um die Frage des Handelns am Rande des Erlaubten und keineswegs per se Guten und dabei gar nicht in die Lage zu kommen, im umfänglichen Sinne – aus Einsicht und freier Entscheidung heraus. Eine christliche Ethik muss mehr tun, als die bloße Gewährleistung der sozialen Ordnung. Die sittliche Bewährung des Menschen in Freiheit, der verantwortungsbewusste Umgang des Menschen mit bzw. in Freiheit muss das Ziel sein.
Der Verweis auf die Bergpredigt sei hier mal als ausreichend vermerkt. Aber gerade diese – gewiss riskante – Zumutung von Freiheit und Verantwortung findet ihr Vorbild in jener Bedingungslosigkeit, in welcher der biblische Gott sich selbst dem Menschen zumutet und ausliefert. Der Weinberg lässt grüßen.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen wird sicher nicht automatisch alle Probleme auf einen Schlag lösen. Welche Schritte und Kompromisse dahin führen, dieses Ziel als eine nicht erst durch aktuelle Entwicklungen politische Richtungsforderung in der Gesellschaft als sinnvoll und erstrebenswert erkannt umzusetzen – dazu wird allerdings eine umfassende öffentliche Diskussion weiter zu führen sein, auch außerhalb von Politikerzirkeln. Und die christliche Soziallehre und ihre Grundprinzipien stehen dem nicht im Wege, eher im Gegenteil. Mal abgesehen von der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der UNO von 1948 und deren zahlreiche Ergänzungen und Erweiterungen.

Soweit wir uns erinnern hat selbst der Papst ein Grundeinkommen befürwortet zur Beseitigung der schlimmsten Folgen der Armut. Interessant deshalb, weil verschiedene Versuche in Afrika und Indien, um nur diese Beispiele zu nennen, zeigen, dass die Finanzierung eines Grundeinkommens vor Ort zum Teil unerwartete Initiativen zur wirtschaftlichen und sozialen Selbstorganisation geführt und und zu wesentlich besseren Ergebnissen als die bisher übliche Entwicklungshilfe, die meist in den falschen Taschen landet und die Menschen vor Ort nicht erreicht.

Hilfreich und interessant ist auch folgende neue Pressemitteilung: https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/02/PD24_073_63991.html

Wir hatten an MDR, SWR und auch an Herrn Schmitt unsere Anmerkungen per E-Mail zugeschickt. Da bislang keine Reaktion darauf erfolgte, beschlossen wir, unsere Anmerkungen hier zu veröffentlichen.